SBU – Schweizerische Buddhistische Union

Buddhismus in der Schweiz

Frühphase

Wenn man guten Willens ist und den Interpretationsbogen sehr weit spannt, beginnt die Rezeptionsgeschichte des Buddhismus in der Schweiz in den 1850er Jahren. Dem Kapellmeister Richard Wagner (1813-83) war 1849 als steckbrieflich gesuchter Revolutionär die Flucht von Dresden in die Schweiz gelungen. Und ebenso wie der einstige Dresdener Stararchitekt, nach 1848/49 jedoch republika-nische Flüchtling, Gottfried Semper (1803-79), ließ Wagner sich in Zürich nieder. 1854 kam Wagner über Arthur Schopenhauers Werk Die Welt als Wille und Vorstellung (Dresden 1819) mit buddhistischen Gedanken in Kontakt. Dieser 'Buddhaismus', so Schopenhauer, fand in den nachfolgenden Opern Tristan und Isolde und Parsifal seinen Niederschlag in bestimmten Motiven (Seelenwanderung, Entsagung u.a.). Wagner hatte überdies seit 1855 das buddhistische Opernprojekt Die Sieger vor Augen. Zugrunde gelegt war eine buddhistische Legende, die der Komponist Eugène Burnoufs epochalem Werk Introduction à l'histoire du Buddhisme Indien (Paris 1844) entnommen hatte. Zur Vollendung der Oper kam es trotz verschiedener Revisionen nicht. Gedanken zum Sieger besprach Wagner im Zusammenhang der Realisierung des Tristan im Züricher Exil mit Freunden. Ob es gerechtfertigt erscheint, daß "der 'Emigranten-Kreis' um Richard Wagner in Zürich wahrscheinlich der erste Zirkel westlicher Intellek-tueller überhaupt war, der sich (den Hinweisen von Schopenhauer folgend, mit dem Richard Wagner korrespondierte) in regelmäßigen Zusammenkünften mit dem 'Buddhaismus' beschäftigte", ist jedoch stark zu bezweifeln, da es sich formal weder um 'regelmäßige Zusammenkünfte' handelte noch bildete der Buddhismus Anlaß und Hauptthema der informellen Treffen . Wagner dürfte Burnoufs und andere Buddhismusdarstellungen der Zeit in vielem unter dem Blickpunk musikdramatischer Inspiration und Motivsuche gelesen haben. Den Unterschied zwischen diesen schöngeistig-idealisierenden 'Buddhaisten' à la Schopenhauer, die für die als 'beste aller möglichen Religionen' gepriesenen Lehre ein weites Interesse in akademisch-künstlerischen Kreisen weckten, und der strikten Umsetzung der buddhistischen Lehre in den eigenen Lebensvollzug markierte 50 Jahre später deutlich sodann ein weiterer deutscher 'Emigrant', der Theravada-Mönch Nyanatiloka .

Nyanatiloka

Nyanatiloka, der Wiesbadener Geigenvirtuose Anton Walther Florus Gueth (1878-1957), war über die Schriften Schopenhauers und die Theosophie zum Buddhismus gekommen. 1903 reiste er nach Indien, sodann Ceylon, um dort um Aufnahme in den Mönchsorden der südlichen Buddhismustradition zu bitten. 1904 erfolgte in Burma die Ordination zum Mönch. Nyanatiloka erlernte Pali und wurde in den folgenden Jahren zu einem bedeutenden Übersetzer und Vermittler des theravada-buddhistischen Kanons und seiner Inhalte im deutschsprachigen Raum .
Während des strengen Winters 1909-1910 lebte Nyanatiloka in der Südschweiz bei Lugano. Ursprünglich hatte Nyanatiloka schon im Sommer 1908, zusammen mit vier weiteren Mönchen, am Lago di Lugano eine buddhistische Einsiedelei gründen wollen, um "den Grundstein zu legen für den Sangha [Mönchsgemeinschaft] im Abendland." . Dazu war es dann doch nicht gekom-men. Die in Breslau ansäßige 'Deutsche Pali-Gesellschaft' um Walter Markgraf (gest. 1915) und Friedrich Zimmermann (1852-1917) nahm sich unter ihrem Ehrenvorsitzenden Nyanatiloka sodann des Vorhabens an, ein "Viharo (Einsiedelei) in Europa auf deutschem Sprachgebiet" zu errichten . Buddhisti-schen Mönchen sollte ein Kloster zur Verfügung gestellt werden, um dort nicht nur gemäß den buddhistischen Ordensregeln leben, sondern auch tat-kräftig an der Verbreitung des Buddhismus in Europa wirken zu können. Voran-getrieben wurde das Vorhaben, neben Nyanatiloka selber, insbesondere von Markgraf. Dieser war, soviel bekannt, ein Buchhändler aus der Schweiz. Mark-graf war 1907 von Nyanatiloka in Burma zum Mönchsnovizen unter dem Namen Dham-manusari geweiht worden und seit 1909 Vorsitzender der Pali-Gesellschaft (1909-1913) . Finanzielle Unterstützung des Unternehmens versprach man sich von Enrico Bignami, einem Freund Garibaldis, sowie einem Spendenaufruf in der Buddhistischen Warte 1910. Nyanatiloka wurde geradezu begeistert von den Mitgliedern der Gesellschaft empfangen, mit seiner Ankunft "möge [...] der Sangho für lange Dauer seinen Einzug in Europa halten." .
Nyanatiloka lebte in einer einsam gelegenen Sennhütte, oberhalb Luganos. Nur in der traditionellen Robe des bhikkhu (Mönch) und mit dürftigen Sandalen bekleidet litt er sehr unter der Kälte, wie seine autobiographischen Aufzeichnun-gen festhalten. Andererseits erregte sein Aufzug und Aufenthalt großes Interesse in der internationalen Presse, beides "rief gewaltiges Aufsehen hervor. Von allen möglichen Reportern für die Schweiz, Italien, Deutschland etc. wurde ich aufge-sucht und photographiert usw." . Dem erwartungsfrohen Einzug Nyanatilokas folgte bald wieder der Auszug, da die Errichtung des Viharo an mangelnder finanzieller Unterstützung sowie der "unsäglichen Kälte und des dadurch beding-ten schwierigen Lebens" litt . Nyanatiloka entschloß sich, "zusammen mit [Ludwig] Stolz, nach dem Süden zu ziehen, eventuell gar nach Nordafrika, um dort eine Mönchssiedlung zu errichten." .
In Tunesien wurden Nyanatiloka und Stolz jedoch von den französisch-kolonialen Behörden ausgewiesen, so daß ihr Weg sie erneut in die Schweiz führte, dieses Mal nach Lausanne. Dort hatte der vermögende R. A. Bergier das 'Caritas-Viharo', eine buddhistische Einsiedelei, erbauen lassen, in dem die zwei 1910/1911 für mehrere Monate wohnten und von Bergier versorgt wurden. Nyanatiloka berichtet: "Allsonntäglich pilgern hier viele Menschen vorbei und bewundern dieses exotisch anzuschauende zweistöckige Häuschen mit flachem Dach und vergoldeten Buddhas, auf dessen Wänden sie die in Rot und Gold geschriebenen Lehren des Buddha studieren." . Erneut wurde Nyanatiloka von vielen aufgesucht und u.a. die Rezitation des Metta-Sutta, eines buddhistischen Lehrtextes, auf einer phonographischen Wachsplatte festgehalten; sie soll laut der Autobiographie im Lausanner Archiv aufbewahrt sein.

Im Oktober 1910 weihte Nyanatiloka den aus München stammenden Bartel Bauer (1887-1940) in dem 'Caritas-Viharo' zum Novizen Kondañño. Die Novizenordination war damit zugleich die erste buddhistische Ordination auf europäischem Boden. Bauer war durch Nyanatilokas Büchlein Das Wort des Buddha (Leipzig 1906) auf den Buddhismus gestoßen und fest entschloßen, Schüler Nyanatilokas und buddhistischer Mönch zu werden. Bauer erlernte Pali bei Nyanatiloka und fuhr im gelben Gewand des Mönchsanwärters im Dezember 1910 nach Ceylon . Im Frühjahr 1911 folgte Nyanatiloka mit drei Schülern nach. Von Genua schiffte man sich nach Colombo (Ceylon) ein, um dort noch im gleichen Jahr die später berühmte 'Island Hermitage' auf der Insel Polgasduwa, in der Ratgama Lagune bei Galle (Südceylon) gelegen, zu gründen. Die Insel selber hatte Bergier 1913 oder 1914 gekauft und sie durch Schenkung Nyanatiloka 1914 übereignet. In die Schweiz kam Nyanatiloka nach der Abreise 1911 nicht mehr, wohl aber seine Schüler, insbesondere sein engster Schüler, Nyanaponika .

Max Ladner und weitere

Den Bemühungen Nyanatilokas, der buddhistischen Lehre und Lebenspraxis in der Tradition der Theravadin eine Wirkungsstätte in der Schweiz und damit verkehrsgünstig im Herzen Europas zu schaffen, folgten bis in die 1940er Jahre keine weiteren Aktivitäten. Mit Oskar Schloß (1881-1945) war zwar ein in der deutsch-buddhistischen Bewegung seinerzeit aktives Mitglied 1927 in die Schweiz, ins Tessin, übergesiedelt. Der einstige Mitbegründer und Geschäftsführer des 'Bund für Buddhistisches Leben' (1912-1928) zog sich in San Bernardo sopra Locarno jedoch weitgehend zurück. Auch seine in München-Neubiberg vorangetriebenen umfangreichen verlegerischen Aktivitäten buddhistischer Schriften setzte er nicht fort. Auch der Deutsch-Amerikaner Carl Theodor Strauss (1852-1937), der 1917 bis 1927 in Zürich lebte, vermochte es nicht, weitergehende buddhistische Aktivitäten zu entfalten. Dieses erstaunt, da Strauss 1893 am Rande des Chicagoer Weltparlaments der Religionen durch Aus-sprechen der dreifachen 'Zuflucht' öffentlichkeitswirksam Buddhist geworden und seit 1909 in den Leipziger Buddhisten-Kreisen aktiv war .
1942 kam es dann zu dem vermutlich ersten organisatorischen Zusammenschluß von Buddhisten in der Schweiz. Max Ladner (1889-1963), der 1914 als Österreicher in die Schweiz gekommen war und 1917 in Baden (Kanton Aargau) eingebürgert wurde, und Raoul von Muralt (1891-1975) gründeten im Dezember 1942 die 'Buddhistische Gemeinschaft Zürich'. Die wenigen Mitglieder trafen sich einmal monatlich, meist im Privathaus von Ladner in Zürich-Witikon. In der Regel kamen sechs bis zwölf, mitunter 15 Personen. Die Gemeinschaft orientierte sich am Pali-Kanon und gab 1943-1947 die Mitteilungen der Buddhistischen Gemeinschaft Zürich und 1948-1961 im Christiani-Verlag die buddhistische Zeitschrift Die Einsicht heraus. Aufgabe der Einsicht sei es, so Ladner im Geleitwort, den "Geist der alten, echten Buddha-Lehre, wie sie im Pali-Kanon vorliegt, zum Leser" sprechen zu lassen und die "Religion der Vernunft, [...] die Religion der Freude" "in dieser Zeit allgemeiner geistiger Verwirrung und Ziellosigkeit" zu vermitteln .
Die Zeitschrift hatte auch in Deutschland einen weiten Abnehmer- und Interessentenkreis. Hermann Hesse schrieb in einem Brief vom 23.4.1948 anerkennend: "Das erste Heft mit den beiden Hauptstücken der Buddha-Rede von Benares und den Betrachtungen von Nyanaponika Thera macht auf den, der schon eine Ahnung von der Lehre Buddhas hat, einen gediegenen, sachlichen, positiven Eindruck. (....) Denen, die dafür empfänglich sind, wird der lautere Buddhismus dieser kleinen Zeitschrift bekömmlicher sein als alle die modischen Pseudo-Heilslehren und Pseudo-Yoga-Magieen." Ladner, neben Nyanatiloka die wichtigste Person während der Frühphase des Buddhismus in der Schweiz, schrieb zahlreiche Artikel, Lehrreden-Kommentare und Rezensionen, publizierte Bücher und Broschüren und führte eine umfangreiche Korrespondenz mit Buddhisten in aller Welt. Die ohnehin vornehmlich von Ladner getragene Gemeinschaft endete jedoch 1961 mit der Einstellung der Herausgabe der Einsicht. Ladner hatte sich zusehens vom Buddhismus ab- und der Naturphilosophie Nicolai Hartmanns zugewandt, so daß der Christiani-Verlag die Zeitschrift ohne Ladner nicht fortführen konnte .
Ladners publizistische Arbeiten wurden durch Paul Christiani (1901-1974) verlegerisch tatkräftig unterstützt. Christiani, habilitierter Ingenieur, hatte durch die Ehe mit der Schwester von Kurt Onken, Erna Christiani (geb. 1911), den Buddhismus kennengelernt. 'Nach gründlicher Prüfung', wie es im buddhistischen Sprachgebrauch heißt, machte Christiani die buddhistische Lehre in der Tradition des Theravada zu seiner Weltanschauung. Christiani verließ Frankfurt am Main, zog nach St. Gallen und brachte in dem in Konstanz ansäßigen techni-schen Lehrbuchverlag ab 1947 eine Vielzahl buddhistischer Bücher heraus. Auf Anregung von Nyanaponika (Siegmund Fenniger, 1901-1994) erschien im Christiani-Verlag ab 1952 die 'Buddhistische Handbibliothek' mit Werken von Nyanatiloka, Kurt Schmidt, Nyanaponika und anderen (elf Bände) .
Nicht unerwähnt für die Frühzeit des Buddhismus in der Schweiz soll Peter Voltz (1910-1978) bleiben. Der aus Zürich stammende Maler war 1934 über seine Frau, die Berliner Künstlerin Tamara Thiele (1896-1985), zur buddhistischen Lehre gekommen. Aufgrund der Bekanntschaft mit Oskar Schloß zogen sie in das Tessin. Dort wohnten sie zurückgezogen in bescheidenen Verhältnissen in dem damals noch völlig unberührten Gambarogno. 1952 war für knapp zwei Monate der burmesische Mönch U Thunanda bei ihnen. Über die Bekanntschaft mit Hellmuth Hecker, der jährlich seinen Sommerurlaub bei ihnen verbrachte (1952-1963), kamen auch viele weitere Buddhisten aus dem Kreis um Paul Debes zu ihnen in die Einsamkeit des Tessin. Voltz trat vereinzelt durch Artikel in der Einsicht und den Buddhistischen Monatsblättern (Hamburg) hervor, später zog das Ehepaar nach Locarno .

Buddhistische Aktivitäten seit den ausgehenden 1960er Jahren

Tibetische Flüchtlinge

Die bis in die 1960er Jahre vornehmlich literarischen und publizistischen Aktivitäten von seiten schweizerischer Buddhisten erlebten 1968 mit dem Bau des 'Klösterlichen Tibet-Institut Rikon', nahe Winterthur, völlig andere und neue Dimensionen buddhistischen Lebens. Nach der chinesischen Besetzung Tibets 1950 und der Flucht 1959 von über 100.000 Tibetern nach Indien, wurden in den frühen 1960er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz etwa 1.000 Tibeter in der Schweiz aufgenommen. In den folgenden zehn Jahren kamen weitere 1.000 Tibeter. Die Flüchtlinge wurden teils in Heimstätten unter-gebracht, Kinder ohne Eltern in Schweizer Pflegefamilien aufgenommen. Zur kulturell-religiösen Unterstützung und Betreuung der in der Schweiz lebenden Tibeter sollten Mönche in die Schweiz geholt werden, um sowohl die Integration zu erleichtern als auch die tibetische Identität zu wahren .
Die Errichtung einer Klosterinstitution scheiterte jedoch zunächst an Schweizer Gesetzen, da seit 1874 ein Gründungsverbot für Klöster bestand, seinerzeit gegen den katholischen Jesuitenorden gerichtet. Wenn auch der ein-schränkende Artikel 52 der Schweizer Bundesverfassung 1972 aufgehoben wurde, so drückte die rechtlich bedingte Bezeichnung 'Klösterliches Tibet-Institut' zugleich die zwei Hauptaufgaben der neuen Institution aus: Zum einen tibetisch-kulturelles Kloster und zum anderen ein akademisch-wissen-schaftliches Institut zu sein. Im Sommer 1967 wurde nach den Weihezeremonien mit dem Bau des Instituts begonnen, 14 Monate später konnte er vollendet wer-den. Zur feierlichen Einweihung im September 1968 waren eigens die beiden Hauptlehrer des 14. Dalai Lama, Yongdzin Ling Rinpoche und Yongdzin Trijang Rinpoche, angereist und führten die mehr als einmonatigen Zeremonien durch .
Im Kloster lebt seitdem eine monastische Gemeinschaft von Mönchen (März 1998: sieben), die sich um die religiös-spirituellen Bedürfnisse der 1998 etwa 2.400 in der Schweiz lebenden Tibeter kümmert. Das Kloster ist zugleich eine Ausbildungsstätte für Mönche und unterrichtet die nachwachsende Generation in Schrift, Kultur und Buddhismus. Neben Gelugpa-Lamas, die die Gründer der Institution waren, kommen jedoch auch Lehrer und Würdenträger etwa aus der Sakya- oder der Kagyü-Tradition. Darüber hinaus nimmt das Institut allgemeine Informationsarbeiten sowie akademisch-wissenschaftliche Aufgaben wahr, so erstellt es u.a. die Reihe Opuscula Tibetana. Herausragender Höhepunkt war die Kalacakra-Inititation 1985, die von dem 14. Dalai Lama selber vorgenommen wurde und an der ca. 2.000 tibetische und etwa 4.000 westliche Buddhisten teilnahmen .

Zen- und tibetisch-buddhistische Gruppen und Zentren

Das Ereignis der Kalacakra-Initiation, die erstmals in Europa, zumal in solch großem Rahmen, durchgeführt wurde und zugleich öffentlichkeitswirksam auf eine buddhistische Präsenz in der Schweiz verwies, greift jedoch dem Verlauf der chronologischen Entwicklung voraus. Schon 1952 vertrat Capt. H.N.M. Hardy (1884-1968, Lausanne) unter dem Ordensnamen Padmavajra den tibetisch-buddhistischen Orden Arya Maitreya Mandala in der französischsprachigen Schweiz. Der AMM geht auf den deutsch-gebürtigen Lama Govinda (Ernst Lothar Hoffmann, 1898-1985) zurück und hatte, nach seiner Gründung 1933 in Nordindien, in Berlin 1952 einen westlichen Zweig ins Leben gerufen. Auch von Muralt und Fred Gadient (geb. 1945, Zürich), der 1967-1973 das monatliche Buddhistische Informationsblatt der Schweiz herausgab, waren im AMM aktiv. Näheres zur Größe der Gruppe und ihren Aktivitäten ist nicht bekannt .
Ab den ausgehenden 1960er Jahren änderte sich die bis dahin betuliche und vornehmlich von Einzelpersonen getragene buddhistische Präsenz in der Schweiz. Ähnlich wie in anderen Ländern Europas wurde den Meditationsformen des Zen-Buddhismus ein großes Interesse entgegengebracht. Besuchsreisen von japanischen Zen-Meistern und Roshis (Lehrern) ließen ab den frühen 1970er Jahren zahlreiche Meditationsgruppen und Dojos (Zen-Übungshallen) entstehen. Die wohl ersten Sesshins (Zen-Übungswochen) in der Schweiz hielt der bedeutende Rinzai-Meister Tetsuo Nagaya Kiichi Roshi (1895-1993) 1970 in Brissago und 1971 in Caviano im Tessin ab . 1972 öffnete in Genf der erste schweizerische Dojo in der Übungstradition des japanischen Soto-Zen-Meisters Deshimaru Roshi (1914-1982), 1975 kam in Zürich der 'Shogen Dojo' der 'Rinzai Zen Gesellschaft in der Schweiz', die der Sasaki Roshi Schüler Heinrich B. Platov (1904-1990) gründete, hinzu. In den fol-genden 25 Jahren entstanden zahlreiche Meditationstreffs, Zen-Gruppen und Dojos in beinahe allen größeren Städten. Die gruppen- und zentrenbezogen größte Gruppierung dürfte die 'Zen-Vereinigung Schweiz', ein regionaler Zweig der französischen 'Association Zen Internationale' (AZI), sein, die in der Soto-Tradition nach Deshimaru Roshi lehrt. Leiter des 1975 gegründeten Zen-Dojo Zürich ist Deshimaru Roshis langjähriger Sekretär und einer seiner Hauptschüler, Meiho Michel Bovay, der 1985 nach Zürich zog. Der Organisation gehörten in der Schweiz 1998 Dojos in Lausanne, St. Gallen, La Chaux de Fonds und Zürich sowie sechs Zazen-Gruppen mit geschätzten 500 Zen-Praktizierenden an .
Zu diesen für schweizerische Interessierte gewissermaßen neuen, d.h. nicht am südasiatischen Theravada-Buddhismus, sondern am japanischen Zen orientierten Lehr- und Übungstraditionen kamen ab Mitte der 1970er Jahre die verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus hinzu. Westliche Schüler hatten die tibetischen Lamas, denen sie auf ihren Reisen in Bhutan, Sikkim oder Nordindien begegnet waren, nach Europa eingeladen, um in Skandinavien, Deutschland, Österreich oder auch in der Schweiz Einweihungen zu geben und buddhistische Lehrinhalte und Ritualformen darzulegen.
Der dynamische, wenn auch nicht unumstrittene Däne Ole Nydahl rief seit den frühen 1970er Jahren zahlreiche Karma-Kagyü-Gruppen und Zentren ins Leben. Nydahl war 1969 zusammen mit seiner Frau Hannah einer der ersten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa (1923-1981), Oberhaupt der Kagyüpa, geworden und betrachtet es seitdem als seine Mission, die Lehr- und Übungsformen der Karma-Kagyü-Linie weltweit zu verbreiten. Nach den öffentlichkeitswirksamen Besuchsreisen des Karmapa durch Europa und Nordamerika, 1974/75 und 1977, "schossen jetzt an vielen Stätten der westlichen Welt Karmapa-Zentren aus dem Boden", wie Hellmuth Hecker nicht nur mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland konstatierte . 1998 gehörten der Gruppierung Zentren in Zürich, Basel, Bern, Liebefeld und Luzern sowie eine Gruppe in Ran-degg/Gottmadingen zu .
Die Gelugpa, durch das Tibet-Institut Rikon schon in der Schweiz vertreten, gründete 1977 am Rande von Mont Pèlerin in der Nähe von Lausanne das Tharpa Choeling Zentrum für Höhere Tibetische Studien. Sein Leiter, Geshe Rabten (1920-1986), persönlicher Berater des 14. Dalai Lama, hatte schon seit den frühen 1970er Jahren westliche Schüler in Dharamsala (Nordindien) unterrichtet, lehrte 1974 in der Schweiz und kam 1975 auf Dauer, um als Abt des monastischen Instituts Rikon zu fungieren. Tharpa Choeling war als Studienzentrum speziell zur Unterweisung westlicher Schüler konzipiert, um westlich-tibetische Mönche und Nonnen zum Geshe (hoher Titel in der Gelug-Tradition zum Ausweis doktrinärer Kenntnisse) auszubilden.
Der von Geshe Rabten konzipierte Ansatz scheiterte jedoch, die Gemein-schaft löste sich nach und nach auf. Stephen Batchelor, buddhistischer Schriftsteller und selbst einst Gelug-Mönch in Tharpa Choeling, rekapituliert die wichtigsten Gründe: "What went wrong? The psychological demands of trans-planting what was effectively a branch of Sera Monastery to modern Switzerland proved unbearable. Geshé Rabten insisted on following a virtually unmodified programme of studies, pursued in an alien language. In addition to the linguistic burden, the content of much of what was taught seemed irrelevant. For in spite of the emphasis on analysis and debate, which attracted many students, certain key doctrines were treated as indisputable dogma. Moreover, relatively little time and emphasis was given to meditation. The blend was wrong."
Tharpa Choeling wurde nach dem Tod von Geshe Rabten umbenannt in Rabten Choeling und kümmert sich seitdem schwerpunktbezogen unter seinem Abt Gonsar Rinpoche, dem engsten Schüler von Geshe Rabten, um in der Schweiz lebende Tibeter. Im Kloster lebten Ende 1997 sechs Lamas, zehn tibetische Mönche, neun europäische Mönche und Nonnen sowie elf europäische Stu-denten und Studentinnen. Das Hochschul-Institut für Studien des Buddhismus, wie es sich auch nennt, bietet darüber hinaus Wochenendseminare und Meditationswochen an sowie einen siebenjährigen Studienbuddhismuskurs. 1998 bestanden acht lokale affiliierte Ritual- und Meditationsgruppen in der Schweiz, darüber hinaus betreuen Gonsar Rinpoche und der ebenfalls in Mont Pèlerin resi-dente Geshe Thubten Gruppen in Italien (Mailand), Österreich (Feldkirch, Zirl) und Süddeutschland (Markoberdorf, München) .
Auch die zwei weiteren tibetischen Haupttraditionen, die Sakyapa und Nyingmapa, konnten in der Schweiz mit Gruppen und Zentren Fuß fassen. Das Spektrum tibetisch-buddhistischer Gruppen und Organisationen in der Schweiz umfaßt jedoch nicht nur die vier Haupttraditionen, sondern auch Subtraditionen, die sich aus diesen übergreifenden Traditionen heraus gebildet haben und nun als eigene, an bestimmten Lehrern und Lamas orientierte Gruppen bestehen. Anzutreffen sind die Organisation Rigpa um Sogyal Rinpoche, Shambhala (vormals Vajradhatu) um Chögyam Trungpa (1939-1987), die Neue Kadampa Tradition um Geshe Kelsang Gyatso sowie weitere Gelugpa- und Kagyüpa-Gruppen. Überdies besteht nur wenige Kilometer südlich der Schweizer Grenze die tibetisch-buddhistische Dorfgemeinschaft Bordo, die 1981 von deutschen und schweizerischen Kagyüpa-Buddhisten gegründet wurde.
Seit den 1970er Jahren ist es jedoch nicht nur zur Bildung von zen- und tibetisch-buddhistischen Gruppen, Zentren und Klöstern gekommen. Auch weitere ostasiatische Traditionen, so die japanische Jodo Shin-Shu und Zen in koreanischer Tradition, kamen hinzu. Das Buddhistische Meditationszentrum Haus Tao, 1986 in der Nähe von St. Gallen von Marcel und Beatrice Geisser gegründet, vermittelt die vietnamesische Rinzai-Zen-Tradition in der Lehr- und Praxisunterweisung von Thich Nhat Hanh. Das Haus Tao bietet neben den Zen-Seminaren darüber hinaus einen auf drei Jahre angelegten Kurs in buddhistischer Philosophie, Psychologie und Praxis der Meditation an; im Juni 1998 begann der zweite Dreijahreskurs. Zudem bestehen regionale Sitzgruppen in Bern, Winterthur, Jona und Bremgarten, in denen man sich wöchentlich oder zweiwöchentlich zu gemeinsamer Meditation trifft .

Theravada-buddhistische Gruppen, Zentren und Klöster

Auch das Interesse an Lehrinhalten und Meditationsformen des südasiatischen Buddhismus, des Theravada, hat in den vergangenen drei Jahrzehnten merklich zugenommen. Kurt Onken kaufte 1974 in Dicken, in der Nähe von St. Gallen, ein Tagungshaus, um die in der Region verstreuten Buddhisten an einem festen Orten zusammenzubringen und buddhistische Seminare ausrichten zu können. Die gemeinnützige Stiftung 'Haus der Besinnung', ebenfalls von Onken ins Leben gerufen, trägt das gleichnamige Haus. Onken hatte budhistische Inhalte über seinen Vater, der den Buddhimus als 'Religion der Vernunft' schätzte, ihn jedoch weniger als Anleitung zur eigenen Lebensführung denn mehr als Philosophie angesehen hatte, wie auch über die Bekanntschaft mit Max Ladner und den Beiträgen in der Einsicht kennengelernt. Die Teilnahme an den von Paul Debes geleiteten Seminaren in Hustedt (Lüneburger Heide) zu Beginn der 1970er Jahre bestärkten Onken, die Anweisungen des Pali-Kanons auch konkret in die eigene Lebenspraxis umzusetzen. Das 'Haus der Besinnung' selber geht mittelbar nicht zuletzt auf die Hochschätzung Nyanaponikas zurück, den Onken 1970 kennen-lernte. Ähnlich wie das in Roseburg (bei Hamburg) gelegene 'Haus der Stille', das Hamburger Buddhisten 1962 als Seminar- und Meditationshaus gründeten und auf eine Idee Nyanaponikas 1952 zurückgeht, sollte das Dickener Haus, wie der Name schon sagt, ein Rückzugsort zur Besinnung und kontemplativen Einkehr sein. Nyanaponika umschrieb es in einem Brief an Onken 1974 als eine "'extraterritoriale Insel des Dhamma'" .
Im Haus trifft sich einmal monatlich eine durch Onken 1972 gegründete Gemeinschaft zur Lehrredenbesprechung und 'Sammlung'. Der Kreis um Onken bildet in gewisser Weise eine Fortführung bzw. Wiederaufnahme des einstigen Kreises um Ladner, zumal sich einige Buddhisten aus dem Ladner-Kreis den Treffen im 'Haus der Besinnung' anschlossen. Das Haus steht Einzelnen wie kleinen Gruppen zur Verfügung; so führen u.a. Ayya Khema, Rewata Dhamma, Fred von Allmen, Fritz Schäfer (ein Schüler von P. Debes) und andere Theravada-Lehrer Wochenend- und Ferienseminare durch. Die bleibende Verbundenheit mit Nyanaponika drückt sich nicht zuletzt in der Bronzeskulptur des 'Mentors des Hauses' aus, die im schlichten, jedoch stilvollen Andachtsraum steht .
In den 1970er Jahren kamen weitere Aktivitäten hinzu, neue Gruppen und Institutionen wie die Sayagyi U Ba Khin Gesellschaft (Bern) und der Buddhistische Vihara Genf des Tawalama Dhammika wurden Leben gerufen. Bereits 1974 organisierten Fred von Allmen und Marcel Geisser im Appenzellerland die ersten Zehn-Tages-Vipassana-Kurse. Im Sommer 1979 fand auf dem Mont Soleil im schweizerischen Jura das in Europa einzige Seminar mit dem burmesischen Meditationslehrer Mahasi Sayadaw statt. Diese seinerzeit gänzlich neuen Angebote gingen zurück auf die Initiative der 1978 gegründeten Dhamma Gruppe Bern. Mirko Frýba gründete die Schweizerische Buddhistische Union und war mehrere Jahre ihr Präsident.
Unabhängig von diesem wachsenden Meditationsinteresse auf seiten gebürtiger Schweizer entstanden in den 1980er Jahren kulturell-religiöse Organisationen und Kulturzentren, die von asiatischen Buddhisten zur Pflege ihrer national-kulturellen und religiösen Tradition gegründet wurden. 1983 wurde das kambodschanische Khmer Kulturzentrum in Zürich ins Leben gerufen. Es dient den knapp 2.000 in der Schweiz lebenden Flüchtlingen aus Kambodscha, ihre Sprache, Musik und Literatur zu erhalten und Raum für die religiösen Feste zu bieten. Im Zentrum leben meistens ein oder zwei kambodschanische Mönche. Auch die in der Schweiz lebenden etwa 4.000 bis 5.000 vietnamesischen Buddhisten schufen ihre eigenen Institutionen. Sie folgen der chinesischen Mahayana-Tradition, betonen jedoch die Theravada-typische strikte Hierarchietrennung von Ordinierten (Mönche und Nonnen) und Laienunterstützern .
Die in der Schweiz lebenden Thailänder gründeten 1984 die Vereinigung Wat Thai mit dem Ziel, ein thai-buddhistisches Kloster zu erbauen. Anfangs in einem Mietshaus untergebracht, konnte im Juni 1996 im Rahmen einer großen Feierlichkeit, unter Beteiligung der Königlichen Hoheit Prinzessin Galyanivadhana, das Wat Srinagarindravaram in Gretzenbach, Kanton Solothurn, eingeweiht werden. Das Kloster (Wat) und dessen vier residente Mönche versorgen die 1998 etwa 8.000 bis 9.000 in der Schweiz lebenden Thailände-rinnen und Thailänder kulturell und religiös. Das Wat Srinagarindravaram bildet gewissermaßen ein Auslands-Kloster des Wat Benchamabopitr (Bangkok), von dem die Mönche und der Abt stammen. Für die Thai in der Schweiz ist das Kloster der zentraler Ort buddhistischer Andacht und das Zentrum zur Bewahrung ihrer Kultur .
Den institutionell deutlichsten Ausdruck des Interesses an Lehrinhalten und Meditationsformen des südlichen Buddhismus bildet schließlich die Gründung des Dhammapala Buddhistischen Klosters. Schweizer Buddhisten hatten 1988 Mönche des britischen Theravada-Klosters Amaravati eingeladen, um ein ähnliches Kloster wie in Südengland in der Nähe Berns aufzubauen. Anfangs in Konolfingen bei Bern angesiedelt, bezog man 1991 ein ehemaliges Hotel am Rande des Kurortes Kandersteg im Berner Oberland. Dhammapala steht wie die vier Klöster in Großbritannien sowie fünf weitere weltweit in der Lehrtradition des thailändischen Reformmönches Ajahn Chah (1918-1992). Dieser nahm ab den 1960er Jahren englische und amerikanische Schüler in den Theravada-Orden auf und erbaute 1975 mit Wat Pah Nanachat in Thailand das erste Kloster, das speziell zur Ausbildung 'westlicher Mönche' diente .
Leiter des schweizerischen Klosters ist Ajahn Tiradhammo, 1974 im Alter von 25 Jahren (damals noch der Kanadier Ian Adams) von Ajahn Chah zum Mönch geweiht. Sechs Jahre lebte Ajahn Tiradhammo im thailändischen Wat Pah Nanachat. In der Schweiz sind der Abt und die weiteren, meist drei bis vier Mönche für die in der Schweiz lebenden Thailänder spirituelle Führung und unterweisen die an Meditation interessierten westlichen Buddhisten und Gäste. Die Mönche halten darüber hinaus Vorträge über Buddhismus und besuchen die in den 1990er Jahren entstandenen lokalen Meditationsgruppen. 1997 bestanden in der Schweiz elf und in Deutschland vier dem Kloster angeschlossene Vipassana-Gruppen. In ihnen wird die Meditationform des 'Klarblicks' geübt.
Der Tagesablauf im Dhammapala Kloster gleicht in seiner strikten Abfolge dem der anderen Klöster: Um 5.00 Uhr morgens ist Meditation und Rezitation, gefolgt von einer halben Stunde 'Hausputz' und gemeinschaftlichem Frühstück um 7.00 Uhr. Nach der 'Arbeitsmeditation' von 8.00 bis 11.00 Uhr folgt die Hauptmahlzeit des Tages. Sie wird als dana (Freigebigkeit) von schweizerischen und, meist Sonntags, von thailändischen Unterstützern gespendet. Später wird außer dem Tee um 17.00 Uhr keine Nahrung mehr eingenommen. Der Nachmittag ist verschiedenen Aufgaben gewidmet, bis eine gemeinschaftliche Meditation und Rezitation (Chanting) am Abend den Tag beschließt. Im Kloster werden darüber hinaus regelmäßig Meditationswochenenden durchgeführt sowie die großen buddhistischen Jahresfeste gefeiert .
Viele der zuvor genannten Gruppen und Zentren sind dem Dachverband, der Schweizerischen Buddhistischen Union (SBU), angeschlossen. Die SBU wurde 1976 gegründet und revidierte, nach einer ruhigeren Phase in den 1980er Jahren, 1993 ihre Statuten. Die SBU bzw. L'Union Suisse des Bouddhistes (USB) versteht sich als Forum buddhistischer Zentren und Einzelpersonen, um gemeinsame Anliegen nach außen zu vertreten. Dieses kann sich auf Anliegen schweizerischer Behörden, auf die Zusammenarbeit mit buddhistischen Organisationen im Ausland, z. B. der Europäischen Buddhistischen Union, auf Kontakte mit anderen Religionsgemeinschaften sowie auf Anfragen zu Vorträgen und Informationsveranstaltungen beziehen. Nach innen will die SBU die Zusammenarbeit unter ihren Mitgliedsgemeinschaften fördern und ihre Arbeiten unterstützen. Die Organisation ist traditionsungebunden; Ende 1997 gehörten ihr 28 buddhistische Vereine sowie ca. 70 Einzelmitglieder, mit jüngst stark steigender Zahl, an .

Diesen Text verfasste Martin Baumann unter dem Titel 'Geschichte und Gegenwart des Buddhismus in der Schweiz' Zeitschrift für Missions- und Religionswissenschaft, 82, 4, 1998, S. 255-280, copyright by Martin Baumann.